Alles war schön und nichts tat weh.

Er blickt sich nicht mehr um. Warum auch… es hätte nichts gebracht. Es schneit… oder regnet es? Diesen Dreck, der da vom Himmel kommt, kann wohl kein vernünftiger Mensch  definieren. Wobei wohl diese Eigenschaften durchaus nicht zu bezweifeln sind: Erstens: Kälte, zweitens: Nässe, und nebenbei ein vollkommen ungutes Gefühl.

Die zu lange Hose schleift er hinter sich her und als er die nasse Kälte von unten heraufgekrochen spürt, verflucht er sich selber und seine Faulheit- dieses verdammte Ding einfach mal umzukrempeln dürfte doch nicht so schwer sein. Doch jetzt ist auch schon zu spät und der Typ für Schadensbegrenzung war er definitiv nicht. Eher im Gegenteil, ganz oder gar nicht, immer mitten in die Fresse rein und Augen auf und durch, denn mit geschlossenen Augen kann man dem, was einem entgegenkommt, nicht mehr mutigen Herzens und zittrigen Knien entgegenblicken – zumindest sagt man das doch so, oder? Wobei das Herz wohl meistens eher zittrig und weniger mutig daherkommt, aber das muss ja keiner merken und er hat auch nicht das Bedürfnis, das andere merken zu lassen. Warum auch…dazu gibt es keinen Grund und jedes mal, wenn er sich anderen geöffnet hat, ist er sowieso immer wieder auf die Fresse gefallen, und mit der Zeit wird man dessen müde, sehr sogar. Selbst so ein Mensch, wie er es ist, wird dessen durchaus überdrüssig. Doch er zeigt dies nicht, sondern legt eine unglaublich leichtfüßige Gleichgültigkeit an den Tag, sodass es einigen nicht schwerfällt, ihn als kalt zu beschreiben. Wie gern er nur wirklich so kalt sein würde.

Die Kapuze über den Kopf gezogen geht er also weiter, mitten durch eine unglaublich unwirtlich wirkende Gegend, in der es von allen Häuserwänden „Bonjour Tristesse!“ zu rufen scheint. Er möchte so gern zurück schreien, sich dem entgegen werfen, was ihn mit einer traurigen Schwere zu erschlagen droht, doch er kann nicht, er bringt kein Wort heraus. So sehr er es auch versucht, er weiß nicht einmal genau was er aus seinem Mund herauspressen sollte außer ein leises „fuck you!“. Doch selbst das kann er nicht.
Glaube, Liebe, Hoffnung – damals so unglaublich viel wert und heute, einem Trümmerhaufen gleich, in der Ecke liegend und nichts mehr repräsentierend, was unter Umständen irgendwann einmal wichtig gewesen sein könnte. Da ist etwas kaputtgegangen in ihm und niemand kann recht verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass nun all seine Werte, ihm gleich, nicht mehr leben sondern einfach nur noch dahinvegetieren.
Er nimmt einen großen Schluck aus dem silbergrauen Flachmann und schmeißt die durchweichte Packung Kippen mit einem Schwung aus dem Handgelenk in den Rinnstein, und sofort nimmt das nicht mehr allzu kleine Rinnsal, in das sich die weißgraue Masse, die vom Himmel kommt, am Boden verwandelt hat, die Zigaretten mit sich, wahrscheinlich um irgendwann bei irgendeinem verfickten Gully hängenzubleiben. Er grinst, steckt die Hände in die Taschen und geht eiligen Schrittes weiter.  Heute Nacht ist er dran mit zerstören.

Er verflucht noch einmal wie jedes Mal dieses gottverdammte Wetter, das doch so gut zu seinem Leben passen zu scheint- unstet, meistens grau und selten heiter. Er geht mit zielgerichteten Schritten in Richtung seines alten Lebens, seiner Jugend, beziehungsweise in Richtung dessen, was dies alles repräsentiert, was dies alles ausgemacht hatte. Hier hat er gelebt, geliebt, gehasst, getanzt, gehofft, gesoffen, geraucht…hier ist er er gewesen, in all seinen Facetten, in all seinen von außen unlogischen, unvernünftigen manchmal vollkommen bescheuerten Aktionen und hirnrissigen Initiationsriten.  Doch hier war er immer er, hier hat er mit den anderen wenigstens noch ein kleines Stückchen Hoffnung gehegt und gepflegt, in der Aussicht, dass sie unter Umständen ja vielleicht irgendwann einmal wachsen werde und groß werden könne.
Das es nie soweit kam, hat er einsehen müssen, doch weiß er zugleich, dass es vollkommen wichtig war, dieses kleine Stückchen Hoffnung, dieser Streifen am Horizont, für sie alle. Er hielt sie alle zusammen.

Hier hat er zum ersten Mal gekifft, zum ersten Mal ein Mädchen geküsst, hier hat er zum ersten mal über Politik diskutiert, bzw. das, was er dafür hielt und hier hatte er sie zum ersten Mal gesehen, in Mitten eines wunderbaren kleinen Moshpits bei einem noch wunderbareren kleinen Konzertes einer damals recht guten Band- sie hatte sich inzwischen aufgelöst, wie er gehört hatte, aber das wunderte ihn nicht.
Er verschüttete sorgfältig den Inhalt des Kanisters, den er sorgfältig in den Tagen zuvor in der Ecke des ehemaligen Jugendvorstadtclubs deponiert hatte.  Strich mit einem Lächeln im Gesicht das eilig aus der Schachtel gefingerte Streichholz an der Betonwand an, ging einige Schritte Richtung Straße und warf es schlussendlich mit vollkommener Genugtuung hinter sich.
Die Flammen waren noch bis zur Altstadt zu erblicken. Als schließlich die alarmierte Feuerwehr hinzukam, war nichts mehr zu retten, alles war bis auf die Grundmauern niedergebrannt und es stank bis zum Himmel nach verkohlter Jugend. Doch da war er schon kilometerweit weg, vielleicht unterwegs in ein neues Leben, wahrscheinlicher aber immer noch auf der Flucht vor seinem alten.

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