Kategorie: Menschen

Brüste.

Hallo, mein Name ist Lilly und ich hab Brüste. Das ist nichts Besonderes, ungefähr die Hälfte der Menschheit hat diese. Und trotzdem scheint das irgendwie für viele etwas Aufregendes zu sein. Die männliche Brust scheint dieses Faszination nicht auszuüben; denn jene blank überall zu sehen scheint in den meisten Fällen recht normal. Das liegt sicherlich daran, weil diese nicht sexualisiert wird (warum eigentlich nicht?), die weibliche Brust hingegen schon. Aber ich schweife ab.

Also noch mal: Hallo, mein Name ist Lilly und ich hab Brüste. Zwei aufgrund ihrer Größe recht präsente. Ich hab mir das nicht ausgesucht sondern in den Genen mitgegeben bekommen. Das ist nunmal so.  Und ja, ich hab viel zu viel Zeit damit verbracht, sie zu hassen, zu verfluchen und sie mir am liebsten entfernen lassen zu wollen. Das Schöne ist: Ich mag sie inzwischen, sehr sogar. Und ja, natürlich würd ich immer noch in manchen Momenten gerne tauschen, mit den Frauen, die 70 C haben. Aber diese Momente werden immer weniger.

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Alles anders.

Disclaimer: Ich werde hier über meinen Körper schreiben, und was damit passiert, seit ich die Anti-Baby-Pille abgesetzt habe. Es wird um Dinge gehen, die andere mit TMI kennzeichnen würden. Es geht um Blut, Tränen, Scheidentrockenheit. Wer das nicht lesen will, sollte hier aufhören und stattdessen irgendwas anderes machen (zum Beispiel eine Katze einkleiden).

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Berlin.

Ich gehe über die Warschauer Brücke. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und habe – wie immer – Musik auf den Ohren. Eine Frau, Typ Bioladen-Weihrauchstäbchen, etwa Mitte 40, spicht mich an.

“Hallo, über welchen Aufgang muss ich, wenn ich zum Alexanderplatz will?”
Kein “Entschuldigen Sie bitte”, kein “Könnten Sie mir vielleicht helfen, einfach ein Hallo und eine Frage.
“Über die Brücke da vorne”, ich zeige auf die Fußgängerbrücke, “und dann die linke Treppe und davon das linke Gleis.”
“Äh, also die da oder was?”, krächzt sie und zeigt auf die Fußgängerbrücke.
“Ja genau und da am Ende gibt es ja zwei Treppen und davon nehmen Sie dann die linke.”
“Ah, ja, das hab ich nunmal nicht gesehen.” Sie beginnt lauter zu werden und ihr Ton wird pampig. “Du musst da ja nicht gleich so genervt tun, was soll denn das?!” Sie geht weiter. Die letzten Worte waren geschrien. Nach einem Moment vollkommen perplexen Verharrens rufe ich ihr “Bitteschön! Gerngeschehen! Schönen Tag noch!” hinterher.  Sie zetert im Laufen laut weiter. “Echt mal, was soll denn das? Du bist echt sowas von asozial.”

Das muss dieses Berlin sein, von dem alle reden.

Ersatzessen.

Ich esse gerne. Seit zehn Jahren überwiegend vegetarisch. Auch gerne mal vegan. Seit kurzem probiere ich mich auch im veganen Backen (zum einen, weil ich Herausforderungen mag und zum anderen, weil man damit vegan lebenden Menschen eine echte Freude machen kann). Durch meine Ernährung und letztere Back-Experimente stolpere ich immer öfter über Dinge, die mich stutzen lassen. Ersatzprodukte.

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Von Deutschen und Nazis.

Ich habe mich zwar hingegeben, doch nur weil ich gemußt. Geschrien habe ich nur aus Angst und nicht aus Liebe und Lust. Und daß der Hitler ein Nazi war – das habe ich nicht gewußt!

 Erich Kästner

 

Mein Großvater war im Krieg. An der Ostfront. Sein Bruder starb mit 20 Jahren irgendwo in Russland, er überlebte. Alles, was ich darüber weiß, weiß ich durch meine Mutter, ich selbst konnte leider nicht mehr fragen. Laut ihren Aussagen weigerte er sich, darüber zu sprechen, was er erlebt hat. Das einzige, was meinte Mutter zu hören bekam war “Ich habe so schreckliche Dinge gesehen – und so schreckliche Dinge gemacht – ich red darüber nicht.” Mehreren Nachfragen folgten nur Wutausbrüche, keine Antworten. Ich gehe also davon aus, dass mein Großvater, von Beruf Bauer, Kriegsverbrechen begangen hat. An Erschießungen beteiligt war. Tief im Innern ist die Hoffnung über die Ungewissheit: Vielleicht hat er ja “nur”  andere Soldaten erschossen. Seltsame Hoffnung.

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Eine Art Frohsinn.

Die Hände zittern. Sie versucht, den Lidstrich gerade zu ziehen. Sie versucht es, so gut es geht. Die Augenbrauen. Der Lippenstift. Die Haare sitzen, nun noch der Hut. Ein Blick in den Spiegel: ja, es passt, irgendwie. Die Augen, das sind ihre, sie blitzen noch wie früher. Die Lippen waren mal voller, das weiß sie. Und die Falten, die waren irgendwann da. Man merkt nicht, wie die Falten kommen, man merkt immer nur, wenn sie da sind. Wie plötzlich über Nacht. Immer mehr.

Sie nimmt ihren Mantel von der Garderobe, knöpft ihn zu und schlingt sich den Schal fest um den Hals. Die Stiefel – braunes abgewetztes Leder – haben ihre besten Tage schon seit Jahren hinter sich. Die Tür fällt ins Schloss, das muss reichen. Sie schließt nicht ab. Die Schritte sind vielleicht nicht mehr so fest wie vor ein paar Jahren, aber das ist in dem Moment völlig egal. Sie weiß, was ihr Ziel ist.

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Kurz und dumpf.

Es läuft zwar gerade alles anders als noch vor kurzem erwartet. Aber solange anders nicht unbedingt und ausschließlich schlechter meint, kann er das schon ertragen. Wer ständig nur dem Glück hinterherjagt, dem entgeht schnell die Zufriedenheit.”Und grad ist alles gut.” Oder zumindest okay. Die Miete ist bezahlt, es ist Ende des Monats, und er hat mehr zu essen im Haus als nur Tütensuppe. Das war mal anders.”Es ging schonmal schlechter.” sagt er und meint es auch so.

Saufen, fressen, ficken. Das was den Mensch zusammenhält. Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Für ihn nicht. Ein stilles, schiefes Grinsen bringt ihn durch die Nacht.

Manchmal ist es wohl am wichtigsten, sich selbst ernst zu nehmen. Und er lernt das. Er lernt.

Kleingeld.

Sarah schneidet Haare. Sarah heißt nicht wirklich Sarah, aber im Folgenden werde ich sie so nennen. Sarah lernte ich in einem Friseursalon kennen, nicht so einem 10-Euro-Laden, aber auch nicht in einem besonders teueren Geschäft. Ich zahlte für Waschen-Schneiden-Föhnen etwa 35 Euro – okay dafür, dass sie eine Stunde mit mir und meinen Haaren beschäftigt war – so dachte ich. Inzwischen arbeitet Sarah nicht mehr in dem Laden, aber schneidet immer noch meine Haare. Und erzählte mir ein bisschen aus ihrem Leben. Und ihrem Beruf. Sie blieb beim Erzählen stets freundlich und gut gelaunt – mich hingegen machten ihre Erzählungen wütend. Und traurig.

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