Kleingeld.

Sarah schneidet Haare. Sarah heißt nicht wirklich Sarah, aber im Folgenden werde ich sie so nennen. Sarah lernte ich in einem Friseursalon kennen, nicht so einem 10-Euro-Laden, aber auch nicht in einem besonders teueren Geschäft. Ich zahlte für Waschen-Schneiden-Föhnen etwa 35 Euro – okay dafür, dass sie eine Stunde mit mir und meinen Haaren beschäftigt war – so dachte ich. Inzwischen arbeitet Sarah nicht mehr in dem Laden, aber schneidet immer noch meine Haare. Und erzählte mir ein bisschen aus ihrem Leben. Und ihrem Beruf. Sie blieb beim Erzählen stets freundlich und gut gelaunt – mich hingegen machten ihre Erzählungen wütend. Und traurig.

Sarah war 16, als sie mit einem Realschulabschluss die Schule verließ. Sie hatte nicht einmal schlechte Noten, und alle rieten ihr, doch “etwas Vernünftiges” zu lernen. Doch sie wollte nur eins: Haare schneiden. Das hat sie schon als Kind an ihrem Puppen versucht und seit Jahren an ihr selbst. Und so fing sie eine Lehre an, die sie mit Bestleistung abschließen konnte. Sicher, das Lehrgeld war sehr wenig, aber sie war ja noch jung und wohnte bei ihrer Mutter, da ging das noch. Ihr Ausbildungsbetrieb konnte sie nicht übernehmen und sie fing bei einer mittelgroßen Friseurkette an, eben dort, wo ich sie kennenlernen durfte.

Inzwischen arbeitet sie nicht mehr dort. Sie sagt: “Die Arbeitszeiten waren super. Selten mehr als acht Stunden und ich hatte immer eine Pause. Aber die Bezahlung…”. Ich frage nach, wie viel sie bekommen habe. Als Antwort bekomme ich “3,50€ die Stunde” zu hören und mir kurz nicht sicher, ob ich mich nicht verhört hätte. Dreieurofünfzig. In einer 45 Stunden-Woche, denn Samstag hat der Laden auch geöffnet. Wie man davon leben kann, frage ich. “Gar nicht.” ist die Antwort. Beim Amt hat sie aufstocken lassen, auf 900 Euro. Das reichte dann zum überleben. Zur Deckung der Fixkosten und für Nahrungsmittel. Für alles andere reicht es nicht. Sie hat dann angefangen, die Meisterschule zu machen. Sie will die Möglichkeit haben, sich selbstständig zu machen. Das kostet aber Geld – viel Geld. Sie nahm einen Kredit auf. Um die Raten bezahlen zu können, musste sie schwarzarbeiten, sagt sie. Sie mache das nicht gern, aber anders ginge es nicht. Sie hat seit kurzem ihren Meister. Und 7000 Euro Schulden.

Sarah hat einen neuen Arbeitgeber, ein höherpreisiger Salon, wo man für Waschen, Schneiden, Föhnen gerne mal 80 Euro und mehr bezahlen kann. Hier wird sie besser bezahlt, sagt sie. Wenn sie Glück hat, kommt sie so auf 1200 Euro. Die Arbeitszeiten sind zwar hart, aber sie macht das gerne. Wie hart, möchte ich wissen. Und dann erzählt sie, dass die Regel ist, dass sie von neun Uhr morgens bis Ladenschluss im Geschäft steht. Der ist frühestens 21 – meistens 22 Uhr. Ihre Pause besteht darin, dass sie kurz nach hinten geht, von ihrer Stulle abbeißt, eine raucht – und weitermacht. Sie sagt, sie könne sich in dem Laden keine richtige Pause leisten – dann gelte sie als nicht belastbar. Und wird gekündigt. Ihr Rücken tut ihr weh, sagt sie. Und jeden Abend nimmt sie ein Fußbad gegen die Schmerzen. “Irgendwann gewöhnen sich die Füße daran”, sagt sie. ”Aber wenigstens bin ich nicht mehr vom Amt abhängig”. Sie lächelt.

2 comments

  1. wolframcgn

    Wir müssen in Deutschland endlich eine Lohndiskussion führen. Keine Nebenkriegsschauplätze wie “ALG II Sanktionen” oder ähnliches, sondern: “Warum bezahlen Unternehmen Ihre Mitarbeiter eigentlich so Scheiße? Und warum müssen viele über Zeitarbeitsfirmen oder gar selbstständig arbeiten?”.

    Es gibt viele Sarahs. In vielen Jobs. Beiderlei Geschlechts.

  2. Ping: netztrahlen 0001 - erdstrahlenharke

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